Prof. Hans-Peter Lehmann
zur
Geistlichen Oper Abtei Waldsassen


 

1. Was ist die Geistliche Oper, was ihre Tradition, was ihr Ziel?

Religiöse Themen auf der Musikbühne, das ist ein langer, kulturgeschichtlich faszinierender Weg. Man sagt nicht zu unrecht, daß die Religion die Mutter der Künste sei. Somit stellt Egon Friedell auch die Religion an die Spitze der Kulturpyramide. Im 16. Jahrhundert entwickelt sich zeitgleich in Italien, Frankreich und England sowie in Deutschland das, was man Sakra Rappresentazione Mystère, Miracles oder Mysterienspiele nennt, eine internationale Kulturbewegung also, die bis heute zu verfolgen ist, die den religiösen Dialog und den Wunsch nach Glaubenskraft zum Inhalt hat. Zur Verkündigung des Glaubens, zur Stärkung der ethischen Haltung, als ein Dialog zum Lobe Gottes und de Erhebung der Sinne, so muß man sich den Ursprung dieser Kunstgattung vorstellen.

Jahrhunderte später spricht Friedrich Schiller dann von der "Schaubühne als moralische Anstalt".
Aus Richard Wagners "Parsifal" klingt uns diese Botschaft ebenso entgegen, wie aus "Moses und Aron" von Arnold Schönberg.

Im Jahr 1979 habe ich an der St. Sebald-Kirche in Nürnberg die Kirchenoper "Tempus Dei" - des Menschen Zeit, ein musikalisches Mysterienspiel von Werner Jacob zur Uraufführung gebracht.
Fast zeitgleich entstanden die Werke "Jesu Hochzeit" von Gottfried v. Einem, und von Christof Pendereki "Paradise lost". Maurizio Kagel schrieb das Stück "Die Erschöpfung der Welt", ein pessimistisches Resumée über das, was der Mensch aus der Schöpfung gemacht hat.

Meine 21-jährige Intendanz an der Staatsoper Hannover folgte immer wieder dem Thema "Der Gottesbegriff auf dem Theater."

Meine Erfahrung ist, daß die Menschen Hunger nach Religion haben. Auch wenn es keine Kirchgänger sind, nehmen die Leute dankbar auf, was Musik und Bühne ihnen als Denk- und Gefühlsräume anbieten.

In diesem Sinne hat mich die Möglichkeit gereizt, diesem Thema in Waldsassen nach zugehen.



2. Warum zur Eröffnung des Zentrums für Geistliche Oper die "Rappresentatione di Anima e di Corpo"?

Weil sie für ihre Gattung typisch ist, weil sie die erste große Kirchenoper der Weltgeschichte war, weil sie bis heute die Menschen durch ihre Thematik und die unvergängliche Schönheit der Musik von Emilio de Cavalieri ins Herz trifft. Zahlreiche Inszenierungen auch in neuerer Zeit beweisen das.

Der Inhalt:

Das Werk:
Die beiden allegorischen Figuren Seele (Anima) und Körper (Corpo) haben sich zu entscheiden für die Welt oder den Himmel. Die Lust, die Welt und das Weltliche Leben versuchen, sie zu verführen. Der Schutzengel stärkt sie im Kampf und enthüllt das wahre Wesen der Verführer: Die Welt ist unter ihrer prächtigen Hülle unansehnlich und hässlich, das weltliche Leben der verkleidete Tod. Verstand (Intelletto) und guter Rat (Consiglio) illustrieren die Folgen der richtigen oder falschen Entscheidungen des Menschen in einem Wechselgespräch mit verdammten Seelen in der Hölle und Seligen im Himmel, wobei sich abwechselnd Himmel und Hölle öffnen.

In theatralischen Bildern in Tänzen mit Gesang treten die allegorischen Figuren für den Weg zur himmlischen Erlösung ein.

Die Ursprünge, der Komponist, der Textdichter, die Uraufführung:

Die Ursprünge:
Die Theatralische Formung religiöser Darstellung entwuchs in langer Tradition dem Bedürfnis, biblische Geschichten und geistliche Ausdeutung in Bilder und Bewegung zu übersetzen und in eine begreifbare und verständnisreicher Anschauung zu bringen. Es entstanden in allen Teilen des christlichen Abendlandes in städtischen wie ländlichen Gemeinden die Legenden-, Passions- und Osterspiele, die von Bauern, Bürgern und Geistlichen gestaltet und bald schön aus dem Kirchenraum auf den Marktplatz hinausgetragen wurden. Immer umfangreicher wurden diese geistlich-bürgerlichen Darstellungen, erstreckte sich inhaltlich von der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht.
Auch in Italien wurde ähnliche Festzugs-Theatralik vorgestellt, begleitet und aufgelockert durch leidenschaftliche hymnen- und balladenartig religiöse Lieder volkstümlichen Gepräges. Diese sogenannten "Leiden" bekamen bald dramatischen Charakter, indem mehr und mehr dialogische Elemente einflossen. Die Blüte und gleichzeitig den Schlußstein dieser besonderen theatralischen Entwicklung bildeten die sogenannten "sacre rappresentazioni", die sich im 15. Jahrhundert und vorwiegend in Florenz entfalteten. Hier flossen sowohl die Darstellungsvielfalt der Prozessionsspiele als auch die Dialogdramatik der mittelalterlichen Lauden zusammen und bildeten, unterstützt durch die prächtige Ausstattung florentinischer Künstler, ein vollendetet theatralisches Gesamtwerk.

Der Komponist:
Emilio de Cavalieri, um 1550 als Sohn einer vermögenden und angesehenen römischen Familie geboren, betreute seit 1588 als Generalintendant alle theatralischen Festlichkeiten des toskanischen Hofes in Florenz. Er gehörte zu den literarisch und musikalisch gebildeten und begeisterten Mitgliedern der berühmten Florentiner "Camarata" deren Bemühungen, den Aufführungsstil der antiken Tragödie zu rekonstruiren, zur Entstehung der neuen Kunstform Oper führte. Unter seinen Kollegen galt er als "Avantgardist", als begeisterter Verfechter der damaligen "Neuen Musik".
"Rappresentazione" war auch zur Zeit ihrer Entstehung ein grandioses Spektakel, der Komponist sah in die Zukunft und suchte nach möglichst viel Wirkung im durchaus modernen Sinn, er verwendete innerhalb des geistlichen Rahmens die neuesten musikalischen Entdeckungen und erfand auch selbst noch, er war darauf bedacht, Abwechslung ins Spiel zu bringen, und seine Anweisungen über die Realisation lesen sich so metiergewandt wie die, die Richard Wagner zum Thema Gesamtkunstwerk geschrieben hat.

Der Textdichter:
Seit 1597 lebte Cavalieri in Rom und muß dort mit dem Gedankengut und der Geisteskultur des Filippo Neri (der später heilig gesprochen wurde) und seiner Bruderschaft, den Oratorianern in Berührung gekommen sein. Denn der Testdichter der "Rappresentazione", P. Agostino Manni, gehörte dieser Bruderschaft an, und es ist stark anzunehmen, daß Cavalieri am Ende seines Lebens (er starb 1602) sich von dieser melancholisch-religiösen Entsagungsthematik angesprochen fühlte.

  Die Uraufführung:
Die Uraufführung der "Rappresentazione" fand im Februar 1600 im Oratorio della Vallicella in Rom in der Gegenwart von 15 Kardinälen statt. Im Vorwort des Partiturdrucks im gleichen Jahr wurden genaue Anweisungen für die szenische und musikalische Ausführung gegeben und bilden ein wichtiges Dokument damaliger Aufführungspraxis. Die bisherigen "rappresentazioni sacre" wurden hauptsächlich gesprochen, nur hier und da wurden Lieder eingeflochten. Die durchkomponierte und durchgesungene sowie szenisch dargestellte Aufführung dieser musiktheatralischen Meditation war eine unerhörte, "ungehörte" künstlerisch-ästhetische Neuerung.

 

mit freundlicher Genehmigung

Prof Dr. Hans-Peter Lehmann




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  zur Startseite (HOME) Stand: 26.05.2003