
Absolut faszinierte Freiherr Enoch zu Guttenberg mit der KlangVerwaltung München und der Chorgemeinschaft Neubeuern am Wochenende 1100 Konzertbesucher der Basilika Waldsassen mit Bachs "Magnificat" und Bruckners Romantischer Symphonie. Bild: A. Poscharsky-Ziegler |
Waldsassen.
Bruckners vierte. Das meint eines der umfangreichsten und mächtigsten symphonischen Orchesterwerke überhaupt. Da schnappt der Hörer mehr als nur einmal nach Luft, wenn ihn donnernde Paukenwirbel und die geballte Schallwellenkraft von drei Flügelhörnern, vier Hörnern, drei Posaunen und einer Tuba fest in den Sitz drücken - von den übrigen über fünfzig mit Vollkraft agierenden Streichern und Bläsern mal ganz abgesehen. Am Wochenende stand Anton Bruckners Monumentalopus in seiner Endfassung von 1889 im Zentrum eines Benefizkonzerts (samt öffentlicher Generalprobe) zu Gunsten der bis 2010 andauernden Generalsanierung der Cistercienserinnenabtei Waldsassen.
Dirigent von Weltruf
Freiherr Enoch zu Guttenberg, Dirigent von Weltruf, führte die siebzig hervorragenden Sängerinnen und Sänger seiner Chorgemeinschaft Neubeuern und die sechzig handverlesenen Orchestermusiker der KlangVerwaltung München durch das gewaltige Programm, das mit Bachs sechzehnteiligem kurzweilig kostbarem "Magnificat" eingeleitet worden war und insgesamt bei beiden Aufführungen 1100 Zuhörer verblüffte und restlos faszinierte.
Im Namen der Initiatorin des Benefizkonzerts, Staatsministerin Monika Hohlmeier als Vorsitzende des Vereins der Klosterfreunde, begrüßte Äbtissin Maria Laetitia Fech die 600 Gäste des Sonntagskonzerts, und dankte allen am Projekt Beteiligten, besonders dem Dirigenten (nach Ende des Konzerts mit herzlichem Händedruck) und dem stellvertretenden Vorsitzenden der Klosterfreunde, Bürgermeister Herbert Hahn, als Veranstalter einer Aktion, die nicht einmalig bleiben soll.
Vor dem über einstündigen Bruckner Opus ging es der Zeit im Kirchenjahr etwas voran: das zur Weihnacht 1723 komponierte "Magnificat" von Johann Sebastian Bach war durch die vier Weihnachtssätze "Vom Himmel Hoch", "Freut euch und jubiliert", "Gloria in excelsis Deo" und "Virga Jesse floruit" reizvoll erweitert worden. Zu einer Kammerorchesterbesetzung der KlangVerwaltung mit Orgelpositiv erwartete das Publikum ein exquisites dreißigminütiges Klangerlebnis: ungeheuer frisch, ja spritzig, mit überschäumender Festfreude gestalteten die Choristen ihre Parts wie das "Magnificat" und das schließende fünfstimmige "Gloria".
Das Fest der Stimmen wurde nicht nur durch den geradezu brausenden Chor über alles gute Mittelmaß erhoben, sondern auch durch ein erstklassiges Solistenquartett. Sopranistin Johannette Zorner, Altistin Annette Markert, Tenor Werner Güra und Bassist Klaus Mertens boten nicht den geringsten Ansatz zur Kritik, sondern verwöhnten ihr Publikum mit Wohlklang der Spitzenklasse.
Nach einer Umbaupause stand für die reiche Konzertgeschichte der Basilika ein weiteres Highlight durch einen Meisterdirigenten und ein Meisterwerk an. Man muss wissen, Enoch zu Guttenberg ist kein Karrierist. Guttenberg ist ein Bekenntnismusiker, einer der in einer Kirche niemals ein Museum oder einen Konzertsaal, sondern immer ein Gotteshaus sehen wird, noch dazu eines, das Bruckner selbst auf einer Durchreise bewundert haben soll. Und in diesem sakralen Verständnis sieht Guttenberg auch die Musik - nicht als abrufbare Unterhaltungsware, sondern als Inhalt mit Tiefgang.
Zurückhaltung ist Guttenberg fremd. Links der funkelnde Wappenring, rechts der große Kreise malende oder spitze Attacken in die Luft stechende Taktstock, konzentriert sich der Dirigent nicht auf die Taktvorgabe, sondern schonungslos auf die emotionale Darstellung des romantischen Opus: beim idyllischen Burgmotiv des ersten Satzes geht der Maestro vor dem zarten Zizibäh-Meisenmotiv vor seinen Streichern tief in die Knie, wenn es ausnahmsweise etwas lieblich und schüchtern klingen soll bei Bruckner.
Kantabel gelingt die das Lied mit Trauermarschrhythmus im zweiten Satz, und die herrlich näherkommenden Jagdhornrufe des Scherzos werden schon mal heftig angefordert, beim brausenden Sturm des Finales werden auch dreifache Luftsprüngen notwendig. Von einem zum nächsten Moment stürzt das gesamte Orchester aus stärkstem fortissimo in feinstes Flüstern - und Guttenberg scheint sie dafür zu umarmen, bevor er elegant ballettös auf dem Podium die nächste Passage eintanzt.
Stellvertretend für alle erstklassigen Musiker, sei der erste Konzertmeister Professor Andreas Rainer erwähnt (früher in dieser Position bei den Münchner Philharmonikern, jetzt an der Musikhochschule Düsseldorf). Rainer gab seine oft direkt vom Gesicht des Dirigenten abgelesenen emotionalen Informationen reibungslos an die wie aus einer Hand und mit einem Bogen absolut rein intonierenden Streicherfraktion weiter. Und der mit Ironie gewählte Orchestername "KlangVerwaltung" ist ein gewollter Witz: hier ist absolut nichts staubig, nichts abgelegt oder abgehakt, hier lebt und sprudelt alles, wild und ergreifend, aber immer genau nach Plan.
Vom BR aufgezeichnet
Mit sechs Kameras zeichneten der Bayerische Rundfunk (BR) in Zusammenarbeit mit dem Südwestfunk das Ereignis in der taghell ausgeleuchteten barocken Basilika (bis 1803 Klosterkirche der Cistercienser) als zwei eigenständige Konzerte auf. Das "Magnificat" soll wohl in der bevorstehenden Adventszeit, und die Brucknersymphonie im kommenden Frühjahr zu erleben sein. Dabei handelte es sich durchgängig um ein Sakralkonzert: per Papstbulle gilt jede Komposition des tiefgläubigen katholischen Anton Bruckner als geistliches Werk. Auch wenn es sich um eine vordergründig weltliche Symphonie handelt. Enoch zu Guttenberg war dies voll bewusst.
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