Pressespiegel 2006


Die Zisterzienserinnen von Waldsassen; Foto  ©  Michael Westermann
Ihr Lächeln entwaffnet jeden: Als Laetitia Fech zur Äbtissin gewählt wurde,
war sie gerade mal 38 Jahre alt; seinerzeit war sie damit die jüngste Chefin eines Klosters


Charme-Offensive des lieben Gottes
Mutter Laetitia, Chefin in Waldsassen
Papst Benedikt und Äbtissin Laetitia; Foto  ©  Michael Westermann
Die Chefin beim Chef: Äbtissin Laetitia und Papst Benedikt XVI.
Stoiber und Äbtissin Laetitia; Foto  ©  Michael Westermann
Die Chefin und Bayerns Chef: Sie bekam, was sie wollte

Seltsame Zeiten sind das: Der katholischen Kirche fehlt in diesem Land an allen Ecken und Enden das Personal für Gottesdienst und Seelsorge mit der Folge, dass es viele Pfarrgemeinden nur noch auf dem Papier gibt. Und dann sitzt der Reporter einer Frau gegenüber, die, wäre sie katholische Priesterin, unter Garantie ständig "full house" hätte, die Gemeinde zum Blühen brächte und gewiss ein noch größerer Segen für die Kirche wäre. Das geht aber nicht, weil die Amtskirche bis heute am Defectus naturae, an der gegenüber dem Manne fehlerhaften Natur der Frau festhält. Aber für die Mutter Äbtissin Laetitia Fech, Chefin des Zisterzienserinnen- Klosters Waldsassen in der Oberpfalz, sind das gegenwärtig alles keine Themen. Zunächst ist vor allem wichtig, dass Ministerpräsident Edmund Stoiber sein Versprechen einhält: "Der bayerische Staat wird das Kloster Waldsassen nicht im Stich lassen." Es geht um dringend benötigte 1,1 Millionen Euro zum Bau eines Gästehauses für das Kultur- und Begegnungszentrum Waldsassen.
Dem eher unzugänglichen Stoiber sind sonst Versprechen solcher Art nicht abzuringen. Aber in Waldsassen hatte der Landesvater nicht den Hauch einer Chance. Er erlag bei seinem Besuch 2003 der, weltlich ausgedrückt, geballten Charme- Offensive der attraktiven Äbtissin. Die gebürtige Münchnerin, Jahrgang 1957, verkörpert eine Gnadengabe, die in der geistlichen Welt "Charisma" genannt und nicht jedem Menschen zu teil wird. Das mussten wohl auch ihre Mitschwestern so empfunden haben, die sie, wie in Klöstern seit Anbeginn üblich, in demokratischer Abstimmung 1995 zu ihrer Äbtissin gewählt hatten. Mit 38 Jahren war die Nonne seinerzeit die weltweit jüngste Äbtissin des Ordens. Ein Leben hinter Klostermauern war indes für sie keine von Anfang an beschlossene Sache. "Kein Mensch, auch meine Eltern nicht, konnten meine damalige Entscheidung verstehen, ins Kloster zu gehen," erzählt die Äbtissin und lächelt verschmitzt, denn alle weltlichen Klischees sind erfüllt gewesen: jung, hübsch, fröhlich, lebenslustig und ein geliebter Freund. "Es blieb dennoch eine gewisse Leere und das Gefühl, etwas zu suchen und es noch nicht gefunden zu haben."
Dann macht die 19-Jährige ihre Gotteserfahrung, wie sie sagt. Von einem Augenblick auf den anderen. "Ich habe die große Liebe erfahren. Ich hatte Gott gefunden." Das sei nicht irgendeine x-beliebige Frömmigkeit oder gar Frömmelei. "Das ist eine ganz persönliche Du-Beziehung", beschreibt die Äbtissin ihre Nähe zum Göttlichen, denn kein Mensch könne ein Leben führen ohne eine Du- Beziehung. Was die Außenwelt in ihrer heutigen Verfassung möglicherweise als kindlich naiv abtut, benennt die Ordensfrau mit einer verblüffenden Klarheit: "Zu Jesus Christus habe ich diese Du-Beziehung, er ist mein Bräutigam. Und so schenke ich mich Gott und bekomme alles von ihm. Dem Herrgott kann ich mich aber nur schenken, wenn er mich zuerst gerufen hat." Die Äbtissin fügt noch an, dass Liebe auch Leiden bedeute. "Das ist etwas, was die Welt heute nicht gerne hört, aber unser endliches Leben können wir nicht ohne Schmerz und Leid leben, das gehört zusammen."
Gegenüber der Außenwelt wollen die elf Zisterzienserinnen von Waldsassen keine fromme Fassade aufbauen, so die Klosterchefin: "Wir wollen echt, konsequent und klar leben." Das schönste Zeugnis für sie als Ordenschristen sei, wenn die Leute sagen: "Ihr seid ja ganz normale Menschen." So ganz normal nicht.
Schwester Assumpta; Foto  ©  Michael Westermann
Unschätzbare Kostbarkeiten des Klosters: Für Äbtissin Laetitia sind die alten
Schwestern sehr wichtig: „Sie zeigen, dass Leben glücken kann!“
Die Nonnen haben neben dem Armuts- und Keuschheitsgelübde auch das für Gehorsam abgelegt. Gehorsam. Mit dem Wort gibt's draußen Probleme. Gehorsam im Kloster geht so, wie die Chefin erklärt: "Aufeinander hören, versuchen, zu verstehen und zu erkennen. Das ist jeden Tag ein neuer Anspruch. Außerdem sollen die Mitschwestern glauben, dass auch durch den Oberen Gott spricht." Ihre erste Erfahrung in Sachen Gehorsam hat die Äbtissin kurz nach ihrem Klostereintritt gemacht. Sie wurde gebeten, sich an der Stickerei von sogenannten Paramenten, den prächtigen feierlichen Messgewändern oder Kirchenfahnen, zu beteiligen. Ihren Einwand, das könne sie nicht, sie sei Hauswirtschaftsmeisterin, ließ man nicht gelten. Sie solle es versuchen. "Ich hab's probiert. Später konnte ich dann dank des Klosters in München Kunst studieren." Durch den Gehorsamsakt habe sie die künstlerische Ader in sich entdeckt, von der sie nichts wusste. In der Außenwelt herrsche ja auch Gehorsam, auch wenn das ihrer Meinung nach nicht so heißt. "Das Zusammenstehen der Arbeitnehmer in einem Betrieb, die Solidarität untereinander, das aufeinander hören, das ist Gehorsam."
Und da sind noch die unschätzbaren Kostbarkeiten im Kloster, die Äbtissin Laetitia sehr wichtig sind. "Es sind unsere alten Schwestern, die mit uns in der Gemeinschaft leben und uns zeigen, dass Leben glücken kann." Sie mögen krank sein und keine Leistung mehr bringen, aber sie seien wertvoll und kostbar. Die Klosterchefin sieht die Gefahr, dass auch Nonnen und Mönche sich heutzutage in den Klöstern mehr als erforderlich über ihre Arbeitskraft definieren. Dabei gehe es vielmehr um den Wert des Menschen mit seiner Berufung, seinen Fähigkeiten zu innerer Andacht und Gottesnähe, zum geistlichen Leben im Gebet auch für andere. Übrigens: Wer nicht mehr die richtigen Worte zum persönlichen Gebet findet, der kann per Email in Waldsassen beten lassen (http://www.abtei-waldsassen.de/gebet/GebetsAnliegen.htm). So stellen die Nonnen immer wieder fest, wie empfindsam Menschen werden, wenn sie ihnen sagen: "Wir beten für Sie." Die Zisterzienser sind im Grunde ein von der Außenwelt abgewandter, kontemplativer Orden (lateinisch Contemplatio: Betrachtung. Bedeutung hier: sich dem in jedem Menschen wohnenden göttlich-heiligen Geist intensiv zuwenden). Sie fühlen sich schon ein wenig jenseitsbezogen. Daher ihr Motto: "Wir leben in dieser Welt, sind aber nicht von dieser Welt."

Rastssitzung; Foto  ©  Michael Westermann
Die Nonnen des Klosters Waldsassen bei ihrer Ratssitzung
Dafür sind die Nonnen von Waldsassen noch ziemlich diesseitig. Sie betreiben eine Mädchen- Realschule mit 430 Schülerinnen, die sich, wie viele Klosterschulen im Land, immer größerer Beliebtheit erfreut. Die Äbtissin nennt die Gründe: "Wir vermitteln den jungen Menschen Sinnund Wertebildung, Sozialverhalten und sensibilisieren sie für die Bewahrung der Schöpfung und für den achtsamen Umgang mit der Umwelt." Die Nonnen haben dazu eine florierende Umweltbildungseinrichtung ins Leben gerufen, die 2004 als "Umweltstation" den Segen der bayerischen Staatsregierung bekommen hat.
Schließlich das Lebenswerk der Äbtissin und ihrer Gemeinschaft: Da ist zum einen die Generalsanierung des berühmten Klosters, was auch die Welt vor der Klosterpforte als ein "Wunder der Wiedergeburt" bezeichnet, nachdem der Abteikomplex in den 90er Jahren beinahe in sich zusammengefallen wäre. Und da ist zum anderen der Aufbau eines Kultur- und Begegnungszentrums, damit das Kloster die selbst gestellten Zukunftsaufgaben anpacken kann ganz im Sinn des heiligen Benedikt nach dessen Regel der Zisterzienser- Orden lebt und seines Leitspruchs "Ora et labora" (Bete und arbeite): Bewahrung der Schöpfung ("labora"), Sinnvermittlung für suchende Menschen ("ora"), Verständigung und Versöhnung.
Dafür brauchen die Zisterzienserinnen natürlich ein Gästehaus. Gebraucht wird deshalb auch Ministerpräsident Stoiber und sein Versprechen, sich um die Öffnung der Geldquellen zu kümmern. Im Gegenzug werden die Äbtissin und ihre Mitschwestern für den Landesvater beten, der vor lauter Regieren, Aktenstudium und Geldquellenerschließung vielleicht nur noch zum Nachtgebet kommt. Sollte alles zu lange dauern, wird die charismatische Klosterchefin Edmund Stoiber gewiss bald wieder tief in die Augen schauen.
In der Paramentenstickerei;Foto  ©  Michael Westermann
Wichtige Aufgabe im Kloster: die Stickerei der Paramenten
Äbtissin Laetitia im Computerraum der Schule Foto  ©  Michael Westermann
Modernem aufgeschlossen: Äbtissin Laetitia und ihre Computer



Kochkurs; Foto  ©  Michael Westermann
Kochkurs: 430 Schülerinnen besuchen derzeit die Klosterschule
 

Die Zisterzienserinnen in Waldsassen:

  • Zisterzienserinnen, SOC (Sacer Ordo Cisterciensis = der heilige Orden der ZisterzienserInnen). Gegründet 1098 im französischen Cîteaux (lateinisch: Cistercium, daher der Ordensname).
  • Strenges Ordensleben (Fasten, harte Bußregeln) nach der Regel des hl. Benedikt (480 - 547 n. Chr.) Verbreitung über ganz Europa.
  • Tätigkeitsschwerpunkt ab dem 20. Jahrhundert im schulischen Bereich sowie in geringem Umfang Missionsarbeit in Südamerika.
  • Weltweit derzeit rund 2500 Nonnen und Mönche.
  • Zisterzienserinnen-Abtei Waldsassen (Landkreis Tirschenreuth, Oberpfalz), Adresse: Basilikaplatz 2,
    95652 Waldsassen, Tel.: 0 96 32/ 9 2000,
    Fax: 0 96 32 / 9200 33, E-Mail: Aebtissin_Laetitia@abtei-waldsassen.de,
    Internet: http://www.abtei-waldsassen.de
  • Klostergründung: 1133 als Stiftung des Markgrafen Diepold.
  • Derzeitige Klosterchefin: Äbtissin Laetitia Fech. Zurzeit elf Nonnen. Tätigkeiten: schulische Bildung (Mädchen-Realschule), Erwachsenenbildung, Paramentstickerei.
  • Angebot für Mädchen und Frauen: Kloster auf Zeit.
    Anmeldung unter Tel.: 0 96 32 /9200-31, Priorin S. Mechthild Hohenberger, Tel.: 096 32/ 92 00 24, Äbtissin M. Laetitia Fech, Fax: 0 96 32 /92 00 28
    E-Mail: Aebtissin_Laetitia@abtei-waldsassen.de
Quelle:
TZ München
14/15. Januar 2006

Bayerns Klöster, sie sind die Stätten von Tradition, Glauben und Bildung, doch sie sind auch Stätten der Moderne.
Autor Peter Dermühl und Fotograf Michael Westermann haben sich für unsere Serie hinter den dicken Klostermauern genauestens umgesehen.

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