
Äbtissin Laetitia in der Bibliothek ihres Klosters:
Zurzeit wird da allerdings renoviert
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Rom hatte jetzt einen schier unerschöpflichen Vorrat an Heiligen-Reliquien für den Werbefeldzug gegen die Anhänger Luthers. Und die Kirchengemeinden in der katholischen Welt wollten sich gerne mit einem eigenen Heiligen schmücken. So einfach waren die Toten aus den Katakomben allerdings nicht zu haben. Man brauchte Geld und gute Beziehungen zum Vatikan. Oft sprangen reiche Gemeindemitglieder als Mäzene ein. Prunkvoll eingekleidet und im Rahmen großer Kirchenfeste wurden die Katakombenheiligen dann feierlich in den durchsichtigen Särgen beigesetzt. Viele Klöster der damaligen Zeit konnten sich wegen ersprießlichen Wirtschaftens und gewinnbringender weltlicher Privilegien die Heiligen eher leisten. Das Kloster Waldsassen im heutigen Kreis Tirschenreuth gelegen, zählte auch dazu.
Dabei waren die Zisterziensermönche, die sich Ende des 11. Jahrhunderts vom Benediktinerorden abgespaltet hatten, für Schmuck und Zierrat eigentlich nicht zu haben. Die strenge, graue Gotik sollte ihr Markenzeichen sein. Außerdem waren sie berühmt dafür, die sumpfigsten, die dürrsten, sprich die unwirtlichsten Flecken Erde in fruchtbare Paradiese zu verwandeln. Ein guter Grund für den mächtigen Markgrafen Diepold III. von Vohburg-Cham, die hart arbeitenden Mönche 1132 ins Land zu holen und ihnen gleich eine ganze Gegend zu stiften. Daher der immer noch übliche Name "Stiftland" für die Gegend zwischen dem heute tschechischen Eger und Tirschenreuth.
Und tatsächlich: Aus dem morastigen Sumpfland holten die Zisterzienser fruchtbares Kulturland mit viel Teichwirtschaft heraus, da der Orden den Fleischgenuss nicht auf der klösterlichen Speisekarte hatte. Dass es mit dem Kloster aber nicht einfach werden würde, kündigt sich bereits in der Gründungslegende an. Danach erschienen den betenden Mönchen in ihrer Einsiedelei nachts die Mutter Gottes und der Evangelist Johannes, der ihnen die Stelle für Kirchen- und Klosterbau mit den Worten nannte: "Hier wird der göttliche Dienst, solange der Wandel der streitenden Kirche Gott gefällt, niemals aufhören." Alsdann tauchte ein Rudel Wölfe auf, fletschte die Zähne gen Himmel und hub an, fürchterlich zu heulen. Manche deuteten dies als Zeichen künftiger Leiden der Klosterbewohner. Und tatsächlich: In den folgenden Jahrhunderten war es kein leichtes Leben im Kloster. hen, getauft, danach zu sogenannten Blutzeugen, sprich Martyrern erklärt und schließlich pauschal heilig gesprochen. Seitdem gibt es beispielsweise einen Heiligen Incognitus, lateinisch für: unbekannt. Jeder Katakombenheilige bekam auch seine eigene Lebens- und Leidensgeschichte mit Brief und Siegel.
So ziemlich alle Kriege, Händel und Fehden des deutschen Kaiserreichs sowie des Herzog- und Kurfürstentums in Bayern und natürlich nahezu sämtliche Auseinandersetzungen religiösen Ursprungs hatte das Kloster mit auszubaden. Genauso oft wurde die Abtei geplündert, gebrandschatzt und dem Erdboden gleichgemacht - und wiederaufgebaut. Dabei hatte alles so gut und so friedlich begonnen. Der Staufer-Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, höchstselbst war am 12. Juni 1179 bei der Weihe der Klosterkirche zugegen und stellte danach die Abtei unter unmittelbaren Reichsschutz. Damit nicht genug. Papst Luzius III. verfügte 1185 in einer Bulle: "Wir beschließen, dass kein Mensch das Recht habe, das Kloster Waldsassen ohne Ursache zu gefährden, seine Besitzungen wegzunehmen
oder mit was immer für Neckereien zu quälen." Bei Zuwiderhandlung werde die betreffende Person "im Tode der Rache Gottes anheimfallen."

Der Heuchler heißt diese Figur in der Bibliothek
des Klosters Waldsassen
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Diese Drohung scherte 1556 die lutherisch gewordenen Kurfürsten der pfälzischen Wittelsbacher- Linie wenig. Die Pfälzer dachten sich böse Neckereien aus. Da sie das Kloster evangelisch- calvinistisch machen wollten, arbeiteten dabei mit allen Tricks, wie ein Chronist notierte: "Deshalb wurden
den Mönchen, um sie schneller zu gewinnen, Weiber zugelassen, die in die Klosterzellen sich schlichen und bei den Mönchen übernachteten." 1571 hob man das Kloster auf. Während des Dreißigjährigen Krieges griffen sich die katholischen Wittelsbacher aus München die Oberpfalz und schickten schließlich 1661 die Zisterzienser des Klosters Fürstenfeld im heutigen Fürstenfeldbruck zum Wiederaufbau nach Waldsassen. Es ist die Zeit des Barocks, die katholische Kirche jubelt und mit ihr die so leidgeplagte Abtei im Stiftland. Das barocke Bauen wird, wie anderswo im Lande auch, zum Gottesdienst. So entsteht das Zisterzienserkloster Waldsassen in Form und Umfang, wie man es heute kennt. Die besten Baumeister, Künstler und Handwerker Bayerns und Böhmens sind am Werk, dazu berühmte Stuckateure aus Italien. Sie schaffen eine der schönsten Barockkirchen in ganz Süddeutschland. Ihnen gelingt auch das absolute Kleinod, die heute weltberühmte Klosterbibliothek.
Waldsassens Blüte stirbt schnell und radikal durch die allgemeine Klosteraufhebung 1803. Ein zweites Mal hatten die Wittelsbacher zugeschlagen. Ein damaliges Menschenalter, 62 Jahre, dauert es, bis wieder Zisterzienser einziehen, diesmal Nonnen.
Im Stiftland sind sie ein Stückerl gottbefohlener als in manch einer anderen Gegend Bayerns. Zu viel ist hier über die Jahrhunderte hinweg passiert. Zuletzt im KZ im nahen Flossenbürg, wo die Folterknechte der Nazis wüteten. Und dann ist da noch Konnersreuth, sechs Kilometer von Waldsassen entfernt. In der Nacht vom 4. auf den 5. März 1926 hat die damals 28-jährige Bauernmagd Therese Neumann in einer Vision die Leidensgeschichte Jesu miterlebt. Bei der Resl von Konnersreuth, wie man sie fortan genannt hatte, wurden blutende äußere Wundmale im Herzbereich und später an Händen und Füßen als sogenannte Stigmatisierungen festgestellt. In Konnersreuth glauben sie fest daran, dass der bayerische Papst den Seligsprechungsprozess der Resl nach Kräften fördern wird. Der Rummel danach wird gewaltig sein.
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Quelle:
TZ München
14/15. Januar 2006
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Bayerns Klöster, sie sind die Stätten von Tradition, Glauben und Bildung, doch sie sind auch Stätten der Moderne.
Autor Peter Dermühl und Fotograf Michael Westermann haben sich für unsere Serie hinter den dicken Klostermauern genauestens umgesehen.
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