Pressespiegel 2006


Kloster Waldsassen mit Pfarrkirche; Foto  ©  Michael Westermann
Wunder des Wiederaufbaus: Das Kloster Waldsassen
ist eines der schönsten in Bayern


Die Historie der Zisterzienserinnen
Der Kaiser eröffnet und der Papst schützt
Katakomben-Heiligen des Klosters; Foto  ©  Michael Westermann
Kinderschreck: einer der Katakomben-
Heiligen des Klosters

Was hatten wir Kinder für eine Heidenangst in diesen Kirchen: Das Grauen lag oder hockte in Glassärgen im unheimlichen Halbdunkel der Seitenaltäre. Und es gab kein Entrinnen: Der Weg nach vorne zum Allerheiligsten führte zwingend vorbei an grinsenden Totenschädeln und winkenden Knochenhänden. Dagegen waren spätere Geisterbahnfahrten eine ganz müde Sache. Dass die furchterregenden Skelette gleich Königen in prächtigste Gewänder aus Gold und Silber, Samt und Seide gehüllt waren, machte alles nur noch schlimmer. Wir waren Opfer der katholischen Sitte geworden, mit Hilfe sogenannter Katakombenheiliger aus Rom Kirchen bedeutender und den Glauben noch stabiler zu machen. Vor allem in Klosterkirchen fanden die Toten ihre allerletzte Ruhe. Die bayernweit mit am prächtigsten inszenierten Heiligen finden sich in der Kirche der Zisterzienserinnen im oberpfälzischen Waldsassen.

Jene Sitte mit den seltsamen Heiligen ist makaber, wie vieles, was vor allem im 16. Jahrhundert in der katholischen Kirche so passiert. Die menschlichen Überreste stammen jedoch aus der Zeit, als im Rom nach Christi Geburt Tote innerhalb der Stadt weder verbrannt noch begraben werden durften. Deshalb bestatteten auch die ersten Christen ihre Verstorbenen in großen, künstlich angelegten Höhlen vor der Stadt, in den "Catacumbae", den Katakomben. Weit über eine Million Leichen kam da bis zum 4. Jahrhundert zusammen, bis dann innerhalb der Ewigen Stadt Friedhöfe angelegt werden durften. Die Höhlenleichen hätten bis heute ihre Ruhe, wäre nicht 1578 ein Weinberg eingebrochen und das Reich der Toten entdeckt worden.

Zu dieser Zeit erreichte europaweit der Kampf um den rechten Glauben zwischen Katholiken und Protestanten allmählich seinen Höhepunkt. Die Kirchenoberen in Rom waren gerade dabei, ordentlich Propaganda gegen die Lutherischen zu machen, und starteten eine groß angelegte Werbekampagne mit dem alten Heiligen- und Reliquienkult. Daher erschienen die Gerippe aus der Katakomben-Unterwelt wie ein Geschenk des Himmels. Flugs wurden die Toten mit Namen versehen, getauft, danach zu sogenannten Blutzeugen, sprich Martyrern erklärt und schließlich pauschal heilig gesprochen. Seitdem gibt es beispielsweise einen Heiligen Incognitus, lateinisch für: unbekannt. Jeder Katakombenheilige bekam auch seine eigene Lebens- und Leidensgeschichte mit Brief und Siegel.

Äbtissin Laetitia in der Stiftsbibliothek; Foto  ©  Michael Westermann
Äbtissin Laetitia in der Bibliothek ihres Klosters:
Zurzeit wird da allerdings renoviert

Rom hatte jetzt einen schier unerschöpflichen Vorrat an Heiligen-Reliquien für den Werbefeldzug gegen die Anhänger Luthers. Und die Kirchengemeinden in der katholischen Welt wollten sich gerne mit einem eigenen Heiligen schmücken. So einfach waren die Toten aus den Katakomben allerdings nicht zu haben. Man brauchte Geld und gute Beziehungen zum Vatikan. Oft sprangen reiche Gemeindemitglieder als Mäzene ein. Prunkvoll eingekleidet und im Rahmen großer Kirchenfeste wurden die Katakombenheiligen dann feierlich in den durchsichtigen Särgen beigesetzt. Viele Klöster der damaligen Zeit konnten sich wegen ersprießlichen Wirtschaftens und gewinnbringender weltlicher Privilegien die Heiligen eher leisten. Das Kloster Waldsassen im heutigen Kreis Tirschenreuth gelegen, zählte auch dazu.

Dabei waren die Zisterziensermönche, die sich Ende des 11. Jahrhunderts vom Benediktinerorden abgespaltet hatten, für Schmuck und Zierrat eigentlich nicht zu haben. Die strenge, graue Gotik sollte ihr Markenzeichen sein. Außerdem waren sie berühmt dafür, die sumpfigsten, die dürrsten, sprich die unwirtlichsten Flecken Erde in fruchtbare Paradiese zu verwandeln. Ein guter Grund für den mächtigen Markgrafen Diepold III. von Vohburg-Cham, die hart arbeitenden Mönche 1132 ins Land zu holen und ihnen gleich eine ganze Gegend zu stiften. Daher der immer noch übliche Name "Stiftland" für die Gegend zwischen dem heute tschechischen Eger und Tirschenreuth.

Und tatsächlich: Aus dem morastigen Sumpfland holten die Zisterzienser fruchtbares Kulturland mit viel Teichwirtschaft heraus, da der Orden den Fleischgenuss nicht auf der klösterlichen Speisekarte hatte. Dass es mit dem Kloster aber nicht einfach werden würde, kündigt sich bereits in der Gründungslegende an. Danach erschienen den betenden Mönchen in ihrer Einsiedelei nachts die Mutter Gottes und der Evangelist Johannes, der ihnen die Stelle für Kirchen- und Klosterbau mit den Worten nannte: "Hier wird der göttliche Dienst, solange der Wandel der streitenden Kirche Gott gefällt, niemals aufhören." Alsdann tauchte ein Rudel Wölfe auf, fletschte die Zähne gen Himmel und hub an, fürchterlich zu heulen. Manche deuteten dies als Zeichen künftiger Leiden der Klosterbewohner. Und tatsächlich: In den folgenden Jahrhunderten war es kein leichtes Leben im Kloster. hen, getauft, danach zu sogenannten Blutzeugen, sprich Martyrern erklärt und schließlich pauschal heilig gesprochen. Seitdem gibt es beispielsweise einen Heiligen Incognitus, lateinisch für: unbekannt. Jeder Katakombenheilige bekam auch seine eigene Lebens- und Leidensgeschichte mit Brief und Siegel.

So ziemlich alle Kriege, Händel und Fehden des deutschen Kaiserreichs sowie des Herzog- und Kurfürstentums in Bayern und natürlich nahezu sämtliche Auseinandersetzungen religiösen Ursprungs hatte das Kloster mit auszubaden. Genauso oft wurde die Abtei geplündert, gebrandschatzt und dem Erdboden gleichgemacht - und wiederaufgebaut. Dabei hatte alles so gut und so friedlich begonnen. Der Staufer-Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, höchstselbst war am 12. Juni 1179 bei der Weihe der Klosterkirche zugegen und stellte danach die Abtei unter unmittelbaren Reichsschutz. Damit nicht genug. Papst Luzius III. verfügte 1185 in einer Bulle: "Wir beschließen, dass kein Mensch das Recht habe, das Kloster Waldsassen ohne Ursache zu gefährden, seine Besitzungen wegzunehmen … oder mit was immer für Neckereien zu quälen." Bei Zuwiderhandlung werde die betreffende Person "im Tode der Rache Gottes anheimfallen."

Tragefigur in der Stiftsbilbliothek; Foto  ©  Michael Westermann
„Der Heuchler“ heißt diese Figur in der Bibliothek
des Klosters Waldsassen

Diese Drohung scherte 1556 die lutherisch gewordenen Kurfürsten der pfälzischen Wittelsbacher- Linie wenig. Die Pfälzer dachten sich böse Neckereien aus. Da sie das Kloster evangelisch- calvinistisch machen wollten, arbeiteten dabei mit allen Tricks, wie ein Chronist notierte: "Deshalb wurden … den Mönchen, um sie schneller zu gewinnen, Weiber zugelassen, die in die Klosterzellen sich schlichen und bei den Mönchen übernachteten." 1571 hob man das Kloster auf. Während des Dreißigjährigen Krieges griffen sich die katholischen Wittelsbacher aus München die Oberpfalz und schickten schließlich 1661 die Zisterzienser des Klosters Fürstenfeld im heutigen Fürstenfeldbruck zum Wiederaufbau nach Waldsassen. Es ist die Zeit des Barocks, die katholische Kirche jubelt und mit ihr die so leidgeplagte Abtei im Stiftland. Das barocke Bauen wird, wie anderswo im Lande auch, zum Gottesdienst. So entsteht das Zisterzienserkloster Waldsassen in Form und Umfang, wie man es heute kennt. Die besten Baumeister, Künstler und Handwerker Bayerns und Böhmens sind am Werk, dazu berühmte Stuckateure aus Italien. Sie schaffen eine der schönsten Barockkirchen in ganz Süddeutschland. Ihnen gelingt auch das absolute Kleinod, die heute weltberühmte Klosterbibliothek.

Waldsassens Blüte stirbt schnell und radikal durch die allgemeine Klosteraufhebung 1803. Ein zweites Mal hatten die Wittelsbacher zugeschlagen. Ein damaliges Menschenalter, 62 Jahre, dauert es, bis wieder Zisterzienser einziehen, diesmal Nonnen.

Im Stiftland sind sie ein Stückerl gottbefohlener als in manch einer anderen Gegend Bayerns. Zu viel ist hier über die Jahrhunderte hinweg passiert. Zuletzt im KZ im nahen Flossenbürg, wo die Folterknechte der Nazis wüteten. Und dann ist da noch Konnersreuth, sechs Kilometer von Waldsassen entfernt. In der Nacht vom 4. auf den 5. März 1926 hat die damals 28-jährige Bauernmagd Therese Neumann in einer Vision die Leidensgeschichte Jesu miterlebt. Bei der Resl von Konnersreuth, wie man sie fortan genannt hatte, wurden blutende äußere Wundmale im Herzbereich und später an Händen und Füßen als sogenannte Stigmatisierungen festgestellt. In Konnersreuth glauben sie fest daran, dass der bayerische Papst den Seligsprechungsprozess der Resl nach Kräften fördern wird. Der Rummel danach wird gewaltig sein.



Quelle:
TZ München
14/15. Januar 2006

Bayerns Klöster, sie sind die Stätten von Tradition, Glauben und Bildung, doch sie sind auch Stätten der Moderne.
Autor Peter Dermühl und Fotograf Michael Westermann haben sich für unsere Serie hinter den dicken Klostermauern genauestens umgesehen.

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